Woche der Meinungsfreiheit

Vom 3. bis 10. Mai findet die Woche der Meinungsfreiheit statt. Das Rheinische Landestheater und die Stadtbibliothek Neuss hatten für diese Woche eigentlich drei Kooperationsveranstaltungen geplant, die corona-bedingt leider ausfallen müssen. Stattdessen hat Christine Breitschopf (C.B.) von der Stadtbibliothek Neuss, dem Dramaturgen Olivier Garofalo (O.G.) einige Fragen zur Bedeutung der Meinungsfreiheit in Kultureinrichtungen schriftlich gestellt.

C.B.: Vom 3. bis 10. Mai findet die Woche der Meinungsfreiheit unter dem Motto „Meinungsfreiheit ist mehr als eine Meinung“ statt – ohne viele und große Veranstaltungen, Diskussionen oder Ausstellungen, denn die Welt befindet sich momentan in einem Ausnahmezustand. Die Corona-Pandemie zwingt alle zum Stillstand. Erste Lockerungen finden nach und nach statt, aber von einer normalen Situation für unsere Gesellschaft sind wir noch weit entfernt. Ist es in so einer Zeit tatsächlich notwendig, über ein Thema wie Meinungsfreiheit zu diskutieren? Gibt es nicht viel dringlichere Probleme? Oder ist es gerade jetzt wichtiger denn je, darüber zu sprechen?

Aber beginnen wir damit, warum sich kulturelle Einrichtungen wie ein Theater und eine Stadtbibliothek mit diesem Thema beschäftigen. Vielleicht ist nicht auf den ersten Blick deutlich, wie wichtig das Grundrecht der Meinungsfreiheit für diese Institutionen ist?

Einfach gesagt, arbeiten beide Einrichtungen mit publizierten Texten. Die Freiheit des Wortes, Publikations- und Kunstfreiheit bilden die Grundlage für Autoren und Autorinnen und somit die Grundlage für die Arbeit der Bibliotheken und Theater. Bibliotheken sind Orte, die allen Besucher*innen Informationen zur freien Meinungsbildung, zum lebenslangen Lernen und zur Demokratiebildung zur Verfügung stellen. Durch Ausstellungen und Veranstaltungen sollen Debatten und ein gesellschaftlicher Dialog angestoßen und unterstützt werden. Bibliotheken müssen dabei (parteipolitisch) neutral und unabhängig sein.

O.G.: Ein Stichwort möchte ich gleich aufgreifen: der Ort. Jenseits des konkreten Angebots bieten Theater und Bibliotheken einen Raum, den Alltag zu verlassen und sich Fragen oder einer Suche zu widmen, die nicht unbedingt zweckorientiert sind. Es sind Orte des sozialen Austausches. Es sind Orte der Meinungsbildung. Dieser Prozess ist äußerst komplex. Dass die Freiheit der Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre durch Artikel 5 des Grundgesetzes gemeinsam garantiert werden, ist bedeutsam. Um sich eine Meinung bilden zu können, bedarf es Fakten, aber auch Impulse jenseits der mir bekannten Lebensrealität. Die Kunstform Theater spiegelt den komplexen, unendlichen Meinungsbildungsprozess in prägnanter Weise wider. Hier fließen die Erkenntnisse der Wissenschaft mit dem Denken der Geisteswissenschaftler*innen und Künstler*innen zusammen, wodurch der Bildungsauftrag wahrgenommen wird. Sie haben es erwähnt, oftmals ist ein Text die Basis einer Inszenierung. Da hat sich also schon mal ein*e Autor*in mit einem Thema, einer Frage auseinandergesetzt. Der Text verkündet dabei nicht unbedingt eine Meinung (und man sollte es tunlichst unterlassen, ausgehend von einem literarischen Text auf die Meinung des/der Autor*in zu schließen), aber wer schreibt, verhält sich und so hat der/die Autor*in sich vor dem Schreiben eine Meinung bilden müssen. Dieser Text wird dann vom Produktionsteam aufgegriffen, das nun seine Meinung bildet - zum Thema des Textes, zur Qualität des Textes etc. Im Probenraum entsteht ein spannungsgeladener Dialog, denn jede*r Einzelne*r im Team hat aufgrund der individuellen Lebenserfahrung und der berufsbedingten Aufgabe eine andere Haltung. Und schließlich - ich überspringe ein paar Etappen des Herstellungsprozesses - finden die Vorstellungen statt. Nur wird das Publikum mit jenen Fragen oder jener Suche konfrontiert. Der Text wurde innerhalb der Inszenierung sozusagen durch den Probenprozess bereichert. Nun kann sich das Publikum dazu verhalten und eine Meinung bilden. Nicht nur zur Qualität der Inszenierung, sondern insbesondere zudem, was verhandelt wurde. Durch die Ästhetik wird unsere alltägliche Wahrnehmung (heraus-) gefordert. Wir werden verunsichert und beginnen bestenfalls, unsere Meinung zu überdenken. Im Theater finden gesellschaftliche Prozesse in konzentrierter Form statt und eröffnen neue Möglichkeiten.

 C.B.: Gibt es Ihrer Meinung nach Themen, wo eine klare Positionierung wichtig ist und gerade kulturelle Einrichtungen Stellung beziehen sollten?

 O.G.: Zur Meinungsfreiheit gehört in einer funktionierenden Demokratie auch die Meinungsvielfalt. Das muss man aushalten können. Ebenso wichtig ist es allerdings auch, für seine Überzeugungen einzutreten, dies immer mit der Bereitschaft, den eigenen Standpunkt zu überdenken. Zumindest für die Kunst, oder in meinem Fall für das Theater, fände ich es bedenklich, wenn von der Bühne herab Meinungen oder gar Verhaltensweisen proklamiert werden. Gleichzeitig haben wir Künstler*innen ja auch eine eigene Haltung, die wir durch unsere Arbeit ausdrücken. Hier wird es schon etwas komplexer, wenn es um die Frage geht, wie die Posten in den kulturellen Einrichtungen besetzt werden. Eine ganz klare Grenze, und auch die ist durch das Grundgesetz gesichert, ist allerdings erreicht, wenn andere Menschenrechte verletzt werden.

Aber wie verhält es sich da bei der Auswahl des Angebots einer Stadtbibliothek? Wenn Bücher nicht im Angebot aufgenommen werden, scheuen sich manche Autor*innen ja nicht von Zensur zu sprechen.

C.B.: Die oben bereits erwähnte Neutralität der Bibliotheken bildet die Basis für den Bestandsaufbau und das Angebot. Es gibt ja sehr unterschiedliche Arten von Bibliotheken, die dementsprechend auch unterschiedliche Sammlungsaufträge haben. Eine Landesbibliothek ist verpflichtet jede Veröffentlichung des Bundeslandes zu sammeln und zur Verfügung zu stellen. Bei einer öffentlichen Bibliothek sind dagegen räumliche und finanzielle Grenzen gesetzt. Sie kann mit ihrem Medien- und Veranstaltungsangebot nur einen begrenzten und damit selektiven Überblick über aktuelle Entwicklungen und Tendenzen geben. Natürlich gibt es immer wieder Titel, die eine Bibliothek lieber nicht in ihrem Bestand hätte. Aber solange eine Veröffentlichung nicht gegen das Grundgesetz verstößt, kann sie prinzipiell in den Bestand aufgenommen werden. Es ist wichtig, das breite Spektrum der Themen- und Meinungsvielfalt unserer Gesellschaft abzubilden. In einer Demokratie muss man sich über alles informieren können. Ich persönlich finde es wichtig, dass bestimmte Themen und Titel in einen passenden Kontext gesetzt werden, gerade wenn es sich um umstrittene Veröffentlichungen handelt. Aber ja, eine Auswahl ist immer eine Gratwanderung und nicht ganz frei von der Person, die sie trifft.

C. B.: Mit Blick auf das diesjährige Motto „Meinungsfreiheit ist mehr als eine Meinung“, stellt sich mir die Frage, wie wir eine positive Streitkultur unterstützen können. Was können wir dazu beitragen, dass die Kunst des Miteinandersprechens gefördert und wertgeschätzt wird?

O.G.: Wie sooft fängt es in der Schule an, hört dort aber nicht auf. Unsere westliche, freiheitliche Demokratie ermöglicht ein sehr vielfältiges Leben. Vielfalt bedeutet aber auch Komplexität, die wiederum verunsichern kann. Es ist nachvollziehbar, dass der Mensch nach Sicherheit strebt, doch sollten wir grundsätzlich davon ausgehen, dass es diese im Leben nicht gibt - und sei es nur allein, um sich vor Enttäuschungen zu schützen. Wenn es aber nicht diesen einen richtigen Weg gibt, diese eine richtige Haltung, diese eine richtige Meinung, dann erkenne ich auch, dass ich mich immer wieder neu positionieren muss. Dass ich Informationen benötige, mich mit anderen Gedanken und Haltungen konfrontieren muss und folglich mit anderen Menschen in einen Dialog treten muss, um mir eine neue Meinung zu bilden, die es am nächsten Tag vielleicht schon wieder zu überdenken gilt.

Die Frage, die sich mir stellt, ist wie wir uns dem dualen Muster von richtig und falsch entziehen können. Ich erlebe immer wieder, wie Menschen lieber nichts sagen, als was „falsches“ zu sagen oder sich gar durch ihre Meinung angreifbar zu machen. Woher kommt das?

C.B.: Schwierige Frage. Sie haben ja schön beschrieben, dass die Komplexität unserer globalisierten Welt auch zu einer Überforderung führen kann und die Sehnsucht nach einfachen schwarz-weiß-Mustern groß scheint. Dies zeigt sich wohl noch deutlicher im Internet. Denn das, was sie soeben in Hinblick auf die analoge Kommunikation beschrieben haben, scheint in der digitalen Welt gerade ins Gegenteil verkehrt zu sein. Hier werden deutliche Meinungen ungehemmter verkündet – und leider werden viele Diskussionen im Internet auch häufig von extremen Positionen dominiert.

Wie können unsere Kultureinrichtungen eine offene und konstruktive Diskussion fördern, die zunehmend im digitalen Raum stattfindet? Gerade in der momentanen Situation spüren wir deutlich, was Sie anfangs schön beschrieben haben, wie stark unsere Institutionen auf die Begegnung und die direkte Auseinandersetzung mit den Besucher*innen ausgerichtet sind. Worin sehen Sie die größte Herausforderung und die größte Chance des Digitalen?

O.G.: Analog zu der Frage, warum Menschen im öffentlichen Gespräch ihre Meinung lieber verschweigen, stelle ich auch fest, dass im Internet ungehemmter veröffentlicht wird. Problematisch hierbei ist, dass der Widerspruch anders als im direkten Dialog schneller ausbleibt. Wenn bei einer öffentlichen Veranstaltung jemand etwas sagt, das mir zutiefst widerstrebt, reagiere ich. Das muss noch nicht einmal verbal sein. Ich kenne das von Podiumsdiskussionen. Plötzlich gibt es Regungen im Saal. Dann weiß man, da wurde gerade etwas gesagt, dass Zustimmung findet oder eben auch nicht. Der Dialog ist lebendig. Diese Art der Regung ist in den sozialen Medien nicht möglich. Zudem lässt man im Internet Inhalte, mit denen man nicht einverstanden ist, schneller stehen. Das liegt auch manchmal am Format. Ich wurde selbst schon für Aussagen meinerseits in den sozialen Medien kritisiert und wollte dann reagieren und habe festgestellt, dass ich jetzt weit ausholen müsste, um meine kritisierte Aussage zu kontextualisieren, zudem wollte ich nicht mit einem Statement reagieren. Was geholfen hätte, wäre ein klärendes Gespräch. Das geht nur im direkten Dialog. Eine weitere Herausforderung besteht darin, sich der Algorithmen bewusst zu sein. Irgendwann sehe ich nur noch Inhalte, die ungefähr dem entsprechen, was ich mir im Internet angeschaut habe. Dann befindet man sich in der bekannten Blase. Das Problem dabei ist: Innerhalb dieser Blase wird meine Meinung stets bestätigt und durch weitere Artikel befruchtet. Und plötzlich halte ich meine Meinung nicht mehr für eine Meinung, sondern für eine Tatsache, da die Gegenseite mir nicht aufgezeigt wird. Das Digitale ermöglicht uns viele Dinge, Kommunikationsplattformen sind gerade in diesen Zeiten ein wichtiger Ersatz, aber für mich bleibt es nur ein Einsatz in Ermangelung der Möglichkeit, jemanden zu treffen.

Wie gesagt, beobachte ich ein großes Sicherheitsbedürfnis in unserer Gesellschaft. Zudem habe ich das Gefühl, dass man Einschränkungen und Regeln anstatt eigenverantwortlichem Handeln und Denken bevorzugt. Interessant dabei wiederum ist, dass bei der Qualität der Aussagen nicht unterschieden wird. Ein*e Virolog*in kann, insofern seine/ihre Expertise und nicht seine/ihre persönliche Meinung gefragt ist, nur innerhalb seiner/ihrer Wissenschaft argumentieren. Will sagen: Die Empfehlung mag sein, dass wir alle zuhause bleiben sollen und die ganze Wirtschaft lahmgelegt werden muss. Das heißt aber nicht, dass der/die Virolog*in mit Blick auf die sozialen und wirtschaftlichen Folgen auch als Mensch der Meinung ist, dass die Empfehlung umgesetzt werden sollte. Aber danach wird ja nicht gefragt, sondern nach den Fakten. Ein ziemlich komplexes Dilemma. Wenn es aber schon den Fachleuten so schwer fällt, eine fundierte Meinung zu bilden, wie soll es dann uns Laien gelingen? Ist es gegenwärtig nicht umso dringender, dass den Institutionen des öffentlichen Lebens wieder eine Möglichkeit gegeben wird, den öffentlichen Diskurs wiederaufzunehmen? Birgt die Reduktion auf Zweiergespräche, wenn überhaupt, nicht Gefahren für die Meinungsvielfalt? Wie könnte aber ein Austausch aussehen, ohne das verantwortliche Handeln zu vernachlässigen?

C.B.: Da fallen mir in der momentanen Situation auch nur die sozialen Medien und das Internet ein, auch wenn diese Kommunikation viele Tücken hat. Die Pandemie zeigt überdeutlich, wie wichtig es für unsere Gesellschaft, für Politik und für jede einzelne Institution ist, sich mit der Digitalisierung zu beschäftigen. Und zwar nicht nur in technischer, sondern vor allem auch in rechtlicher und ethischer Hinsicht. Leider haben wir als Gesellschaft diese Aufgabe bisher vernachlässigt und die Chancen des Mediums noch nicht sinnvoll genutzt, sondern großen Konzernen überlassen. Wir sollten uns nicht wundern, dass sich diese nicht in erster Linie um Themen wie Meinungsfreiheit, Kritikfähigkeit oder Toleranz kümmern.

O.G.: Der Meinungsbildungsprozess ist ein anstrengender und eigentlich auch ein unendlicher in einer sich stets verändernden Gesellschaft. Was sagt das über unsere Gesellschaftsstruktur, wenn eine Mehrheit am Ende eines langen Arbeitstages und zwischen Familie und sonstigen Verpflichtungen keine Kraft oder eben Zeit hat, sich auch noch Gedanken über die Welt zu machen?

C.B.: Ich sehe das nicht so pessimistisch. Es war noch nie so einfach wie heute, sich zu informieren und auszutauschen. Eine Gesellschaft, in der vieles sehr gut funktioniert, erkennt nicht automatisch, dass dies nicht selbstverständlich ist und jeder einzelne Verantwortung dafür tragen muss. Unsere Grundrechte mussten seit vielen Jahren nicht verteidigt werden. Jetzt fühlen sich einige in ihren Grundrechten eingeschränkt und es kommt vielleicht zu einer neuen Priorisierung?

O.G.: Ich habe eingangs beschrieben, wie das Theater quasi in seiner Produktionsform bereits eine Art Meinungsbildungsprozess darstellt und dass das Theater eine lebendige Kunst und ein Ort des Austausches ist, ist kein Geheimnis. Wo sehen Sie den Auftrag der Stadtbibliotheken im Rahmen des Meinungsbildungsprozesses?

C.B.: Bibliotheken sind auch Orte des Austauschs. Aber bevor man sich mit anderen austauschen kann, muss man sich in vielen kleinen Schritten eine eigene Meinung bilden – und Bibliotheken können bei jedem einzelnen Schritt helfen. Sie bieten mit einem niederschwelligen Angebot allen Besucher*innen die Möglichkeit, sich mit Themen zu beschäftigen. Man findet unterschiedlichste Informationen und Quellen (Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, Datenbanken), die man hierfür nutzen kann. Als Informationskompetenzpartner bieten Bibliotheken aber nicht nur Informationen per se, sondern auch „Werkzeuge“ zur Suche, zur Bewertung, zum Umgang und zur Verarbeitung gefundener Informationen. Und in der Interaktion mit den Besucher*innen auch Unterstützung bei der Nutzung dieser Werkzeuge. Sie bieten kostenlosen Zugang zu Computer und Internet, Arbeitsplätze, Räume zum stillen Arbeiten oder zum Austausch. Dabei ist mir wirklich sehr wichtig zu betonen, dass Bibliotheken demokratische Einrichtungen sind. Denn unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft, Bildung kann jede/r die Angebote der Bibliothek für seine Zwecke nutzen. Eine funktionierende Demokratie lebt davon, dass ihre Bürger mündig sind und sich informiert in gesellschaftliche Diskussionen einbringen können. Bibliotheken bieten viele Möglichkeiten hierfür. Es liegt an jedem einzelnen diese Angebote zu nutzen.

 

Aufgelesen - ausgelesen

Neuheiten von der Leipziger Buchmesse, vorgestellt von den Neusser Kulturinstituten

Nachdem dieses Jahr die Leipziger Buchmesse ausgefallen ist, musste leider auch die Diskussionsrunde „Aufgelesen – ausgelesen“ abgesagt werden. Wir wollen Ihnen aber die Titel, über die wir diskutiert und Ihnen vorgeschlagen hätten, nicht vorenthalten.

Viel Vergnügen bei der Lektüre!

 

Ingo Schulze: Die rechtschaffenen Mörder

Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, hat zahlreiche Veröffentlichungen. Bereits seine ersten beiden Bücher„33 Augenblicke des Glücks“ und „Simple Storys“ wurden von Kritik und Publikum gefeiert. Für seinen 2017 erschienen Roman „Peter Holtz“ hat er u.a. den Rheingau Literatur Preis erhalten. Auch sein neuestes Buch „Die rechtschaffenen Mörder“ war für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Sein Protagonist Norbert Paulini ist ein hoch geachteter Dresdner Antiquar, bei ihm finden Bücherliebhaber Schätze und Gleichgesinnte. Über vierzig Jahre lang durchlebt er Höhen und Tiefen. Auch als sich die Zeiten ändern, die Kunden ausbleiben und das Internet ihm Konkurrenz macht, versucht er, seine Position zu behaupten. Doch plötzlich steht ein aufbrausender, unversöhnlicher Mensch vor uns, der beschuldigt wird, an fremdenfeindlichen Ausschreitungen beteiligt zu sein. Die Geschichte nimmt eine virtuose Volte: Ist Paulini eine tragische Figur oder ein Mörder?

 

Kommentare:

Markus Andrae (Theater am Schlachthof)

Fängt nett an und zerfasert mehr und mehr in eine beklemmende Bedeutungslosigkeit. Ein ambitioniertes Thema wird durch Zuviel-wollen und sich dann in unübersichtlichen Meta-Ebenen-mäandernd-verirren verschenkt; dazu eine völlig überkonstruierte Handlung mit einem indifferenten, langweiligen und unangenehmen Protagonisten, dem man seine angebliche Radikalisierung weder glaubt noch versteht. Vertane Zeit…

 

Ursel Hebben (VHS Neuss)

Ich liebe Texte die so schön altmodisch anfangen "Im Dresdner Stadtteil Blasewitz lebte einst ein Antiquar, der wegen seiner Bücher, seiner Kenntnisse und seiner geringen Neigung, sich von den Erwartungen seiner Zeit beeindrucken zu lassen, einen unvergleichlichen Ruf genoss."

Im ersten Teil hat man so gar nicht das Gefühl, in der DDR zu sein, er hält die leicht märchenhafte Stimmung. Wenn Schulze dies so weitergeführt hätte, wäre der Roman bestimmt eines meiner Lieblingsbücher in diesem Frühjahr geworden. Und die Bibliophilie des Antiquars hat mich an meinen "alten" Chef, den vormaligen Neusser Bibliotheksleiter, erinnert - leichte Nostalgie inklusive.

 

Oliver Garofalo (Rheinisches Landestheater)

Zentrale Figur ist der Antiquar Norbert Paulini. Wir befinden uns zu Beginn des Jahres in den 50er Jahren in Dresden. Nun könne man vermuten, es handle sich hierbei über eine Erzählung der Veränderungen in Ostdeutschland sowie die Veränderungen politischer Gesinnungen. In gewisser Weise passiert dies auch, der Bücherliebhaber Paulini entwickelt zusehends eine nationalistische Gesinnung, die sich auch durch seine Sprache ausdrückt. Eine Erklärung für diese Entwicklung liefert Ingo Schulze klugerweise nicht, zumindest nicht direkt. Versetzt man sich emphatisch in Paulini hinein, kann man versuchen, seine Entwicklung nachzuvollziehen. Man baut sich eine Existenz auf, man verliert alles, fühlt sich gedemütigt. Aber in meinen Augen geht es in diesem Roman nicht um den Versuch, eine solche Entwicklung aufzuzeigen. Wie auch? Jeder Versuch einer Erklärung wäre eindimensional, vereinfacht, stereotypisch. Nein, dieser Roman ist in erster Linie ein Roman über Literatur, über die Schriftsteller*innen und die Leser*innen. Es ist kein Zufall, dass Paulini antiquarische Bücher liebt und verkauft. Er besitzt keinen modernen Buchladen, liest keine Gegenwartsautor*innen. Seine Leidenschaft ist von Anfang an rückwärtsgewandt. Auch hat er kein Interesse sich großartig politisch zu engagieren, sich an den sozialen Umwälzungen aktiv zu beteiligen. Vielmehr schwärmt er von diesen wunderbaren Texten - und diese Beschreibungen hat Ingo Schulze in einer solch großartigen Sprache verfasst, dass auch ich, als Leser, ins Schwärmen gerate, den Alltag um mich herum ausblende, mich der Literatur fröne - während draußen die reale Welt sich radikal verändert. Denn das ist der Clou: Paulini verliert alles und Schuld sind die anderen, doch er selbst engagierte sich eben auch nicht. Erweitert wird diese Auseinandersetzung durch das Einschalten des Erzählers des Romans, also des Schriftstellers, der natürlich nicht der Autor Schulze ist, sowie im letzten Teil durch die Lektorin. Auch diese beiden begeben sich auf eine Art Spurensuche, möchten sich nicht mit Paulinis Veränderungen zufrieden geben, nicht glauben, dass er an fremdenfeindlichen Ausschreitungen beteiligt war. Auch hier wird meiner Meinung nach weiterhin die Aufgabe der Literatur, die Verantwortung der Schriftsteller*innen verhandelt. Wie kann, wie soll geschrieben werden? Zudem ein Roman sich ja auch verkaufen lassen muss. „Wir reden hier von Literatur, nicht von Schmarrn, dass wir uns da richtig verstehen. Entweder schreiben Sie Schmarrn, weil Sie ein Monster vorführen wollen. Oder Sie werden gezwungen sein, genauer hinzusehen, was mich betrifft,“ so Paulini in einem Streitgespräch mit dem Schriftsteller. Und später: „Beschäftigen Sie Ihre Leute mit Büchern, solange die überhaupt in der Lage sind zu lesen. Nur zu! Umso weniger kommen uns dann in die Quere.“ Ist Literatur nur noch Ablenkung von der Wirklichkeit? Was kann Kunst bewirken? Was ist die Aufgabe der Künstler*innen und Kunsthändler*innen? Diese Fragen stellen sich nach der Lektüre des Romans und gilt es zu diskutieren.

 

Christine Breitschopf (Stadtbibliothek Neuss)

Ich mag Ingo Schulze und habe seinen „Peter Holtz“ mit viel Vergnügen gelesen. So habe ich mich mit Vorfreude an die Lektüre gemacht, zumal es auch noch um Bücher geht und der Roman zu großen Teilen in einem Antiquariat spielt. Der Anfang war auch vielversprechend doch plötzlich verstrickt sich Schulze in recht komplizierte Konstruktionen verschiedener Erzählebenen. Der Ich-Erzähler wechselt nicht nur seine Position sondern auch seinen Stil und man ist zu viel damit beschäftigt, diese Sprünge zu verstehen. Leider entgleitet einem dabei der Antiquar Paulini. Seine Entwicklung hin zu einem radikalisierten Menschen ist theoretisch zu verstehen, aber im Text nicht nachzuvollziehen. Schade. Das Thema ist so interessant und wichtig und Ingo Schulze wäre doch eigentlich ein optimaler Schriftsteller dafür gewesen …

 

Verena Güntner: Power

Die 1978 in Ulm geborene Schauspielerin und Schriftstellerin veröffentlicht mit „Power“ ihren zweiten Roman. Power ist der ungewöhnliche Name eines Hundes, der aus dem Dorf verschwindet, in dem der Roman spielt. Das 11jährige Mädchen – mit dem ebenfalls ungewöhnlichen Namen – Kerze, ist die Protagonistin des Buches. Sie verspricht der Besitzerin von Power, dass sie den Hund wieder findet und zurückbringt. Das selbstbewusste Mädchen entwickelt ungewöhnliche Methoden für ihre Suche. Im Laufe der Zeit schließen sich ihr nach und nach alle Kinder des Dorfes an. Nach mehreren Wochen leben diese wie ein Hunderudel gemeinsam im Wald und sind für ihre Eltern nicht mehr auffindbar. Die Dorfgemeinschaft erklärt den Ausnahmezustand.

 

Kommentare:

Markus Andrae (Theater am Schlachthof)

Ein Buch wie ein Sog. Inhaltlich kann man aufgrund einiger dramaturgischer und psychologischer Schwächen bei den Figuren durchaus streiten, aber in einem sehr anregenden Masse. Lohnend.

 

Ursel Hebben (VHS Neuss)

Das Buch verfügt über eine präzise, klare Sprache und ist, da es stets „bei der Sache“ bleibt, sehr gut - ja schon einfach - zu lesen. Die Handlung ist zwar originell, aber ich fand die ja noch kindlichen Hauptfigur nicht ganz glaubhaft. Alles in allem ein gelungener Roman und unter den deutschsprachigen Veröffentlichungen bestimmt eines der besseren in den letzten Jahren.

 

Oliver Garofalo (Rheinisches Landestheater)

Konnte ich dem Roman "Die rechtschaffenen Mörder" viel abgewinnen, hadere ich mit "Power" von Verena Günter. An dieser Stelle ist es besonders bedauernswert, dass der gemeinsame Dialog nicht stattfinden kann, denn meine Meinungsbildung zu diesem Roman ist noch nicht abgeschlossen, allerdings würde ein Gespräch über den Text helfen. Während Norbert Paulini eine ambivalente und dadurch nachvollziehbare Figur ist, an der ich mich reiben kann und die mich herausfordert, so wirkt das Mädchen namens Kerze in POWER auf mich von Anfang an unsympathisch. Das ist in gewisser Weise auch mal erfrischend, eine Protagonistin zu haben, die man nicht mag. Leider gibt der Text mir jedoch zu wenige Anhaltspunkte, um ihre Eigensinnigkeit verstehen zu können. Nachdem Power, der Hund der Nachbarin, verschwunden ist, verspricht Kerze ihn wieder zu finden und da sie ihre Versprechen stets hält, lässt sie sich von niemandem abbringen. Immer mehr Kinder beteiligen sich an der Suche und schließlich beginnen sie auf recht absurde Weise sich in den Wald zurückzuziehen, sich wie Hunde zu benehmen und sich von den Erwachsenen abzuschotten. Diese werden zu einer Art Feindbild, wobei es offen bleibt, warum die Erwachsenen Feinde sein sollen. Sie dürfen bei der Suche nach Power nicht helfen, es wird nicht mit ihnen gesprochen, die Kinder wenden sich von ihnen ab. Dass Kinder nicht die Helden sind, die schlauer als die Erwachsenen sind, mag auch ein gesetzter Bruch mit der üblichen literarischen Tradition sein. Dennoch wird für mich nicht ersichtlich, wohin der Roman mich führen will. Am Ende stelle ich fest, dass die Kinder in ihrer Verweigerung in einen gemeinsamen Dialog zu treten ziemlich viel Unheil in der Dorfgemeinschaft angerichtet haben. Dass Formen der Radikalisierung stets nur Unheil mit sich bringen, war mir allerdings schon vorher bewusst. Die unbeugsame Heldin rettet nicht die Welt, sondern bringt das Dorf vor den Abgrund. Vielleicht ist das die Aussage, aber sicher bin ich mir nicht.

 

Christine Breitschopf (Stadtbibliothek Neuss)

Zwiespältig und ein bisschen ratlos stehe ich diesem Buch gegenüber. Auf der einen Seite hat es mich gefesselt, auf der anderen nahezu abgestoßen. Verena Güntner wählt eine schnörkellose Sprache, die mich leicht in die Geschichte gezogen hat. Am Anfang musste ich über die sehr eigenwillige Kerze schmunzeln, doch bald wurde sie mir mehr und mehr unsympathisch und später auch unheimlich. Man verseht nicht, warum Kerze so verbissen ist und v.a. warum die Kinder sich so in ihren Bann ziehen lassen. Was allerdings deutlich wird, sind die Probleme der scheinbar gut funktionierenden Dorfgemeinschaft: Sprachlosigkeit untereinander, unausgesprochene Ängste, ungelebte Träume, ungleiche Machtverhältnisse und Gewalt. Ein Buch, das sich leicht lesen lässt und sehr viel Stoff zur Auseinandersetzung und Diskussion bietet.

 

Die persönlichen Tipps:

Markus Andrae (Theater am Schlachthof)

Da ich durch die sich überstürzenden Ereignisse keine Zeit hatte mich über Neuigkeiten auf dem Laufenden zu halten, ein älteres Buch: "Friedrich Hollaender: Menschliches Treibgut"

Der einzige Roman des Musikers Friedrich Hollaender, 1941 im amerikanischen Exil veröffentlicht und erst 1995 in Deutschland rausgekommen; Leben und Schicksal deutscher Künstler-Emigranten im Exil, in einer fiktiven Handlung aber mit durchaus erkennbaren biografischen Zuordnungen; sehr kurzweilig ohne unangenehmes Pathos geschrieben, Zeitbedingt natürlich ein etwas altmodischer Schreibstil, der noch sehr in den 30er-Jahren verhaftet ist aber trotzdem erstaunlich kurzweilig lesbar ist. Für mich eine Entdeckung.

 

Ursel Hebben (VHS Neuss)

Mein Tipp ist "Thomas Meyer: Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin":

Weil er so bitter-böse absurd den Faden des ersten Buches Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse weiterspinnt. Man denkt „völlig überdreht“, das Lachen bleibt aber im Halse stecken, denn die „Hassmaschine“ gibt es ja wirklich: Hate Speech im Internet!

 

Oliver Garofalo (Rheinisches Landestheater)

Mitgebracht habe ich von "Karen Köhler: Miroloi":

Zugegeben, zumindest ich musste mich über die ersten Seiten erstmal reinlesen, sozusagen warm lesen. Der Roman spielt in einem abgelegenen, patriarchalisch geführten Dorf. Alle Errungenschaften der Modernen, ob ideell oder materiell, existieren hier nicht. Der Glaube ist die höchste Instanz. Hier lebt auch die zumindest anfangs noch namenlose Protagonistin. Ein Mädchen, das wie alle Frauen nicht lesen und schreiben darf, beziehungsweise überhaupt keine Bildung erhalten darf und zudem, weil ihre eigene Mutter das Kind als Baby in einem Karton auf der Treppe zu einem Bethaus absetzte, von der Dorfgemeinschaft ausgestoßen wird. Sie wuchs auf unter dem Eindruck der Ausgrenzung und der Beleidigung. Und doch, oder gerade deswegen, entwickelt das Mädchen eine eigenwillige Neugierde. Es gibt sich nicht mit der eigenen Situation zufrieden. Es beginnt lesen und schreiben zu lernen und mit der Alphabetisierung beginnt es, Fragen zu stellen, infrage zu stellen, es lernt zu erkennen und komplexer zu denken, wenn auch es dabei oftmals überfordert ist, besonders, da es fast niemanden zum Reden hat. Die Entwicklung des Mädchens erinnert an Platons Höhlengleichnis: der Weg der Erkenntnis ist mühselig und die/der Erkennende mag von der sich ihr/ihm neu offenbarende Realität schockiert sein. Schlimmer noch wird es, wenn man diese Erkenntnisse nicht teilen kann, wenn man sieht, wie das Umfeld kopflos handelt, wo es doch Alternativen gäbe, doch werden diese radikal vermieden, da ein jedes Öffnen Gefahren mit sich bringen kann. Und auch dieser Aspekt wird im Roman nicht vernachlässigt. Je mehr Neues das Mädchen entdeckt, je mehr von Außen in dieses geschlossene System eindringen könnte, umso größer wird die Unsicherheit, es könnten neue Gefahren entstehen. Wie hoch darf der Preis für den Fortschritt sein? Eine ultimative Sicherheit gibt es nicht, der Preis für die Entwicklung ist das Risiko und die Bereitschaft, auch mal zu scheitern. Während also in POWER die Kinder sich in einen Wald zurückziehen, zu Tieren werden und dadurch wie erwähnt sehr viel Unheil anstiften, versucht hier ein Mädchen den Naturzustand zu verlassen und einen Weg in die Zivilisation zu suchen. Kongenial ist dabei der sprachliche Umgang. Je mehr das Mädchen lernt, umso stärker wird auch die literarische Qualität der Sprache. Überhaupt gehört Karen Köhler zu den wenigen Autor*innen, die mit einer solch präzis gewählten Sprache einem das Gefühl geben, man könne die Welt so erleben, riechen, sehen, spüren, wie die Protagonistin. Wir kennen den Moment in unserem Alltag, wo man sich denkt, dass dieses Erlebnis niemand in Worte fassen kann - nun, ich bin mir sicher, Karen Köhler könnte es. Das betrifft natürlich auch schmerzhafte Erfahrungen, die man als Leser*in sodann auch ertragen muss. Es ist ein beeindruckender Roman über ein naives Mädchen, das über Bildung zur reifen Frau wird, mit allen Höhen und Tiefen, die zu solch einem Prozess gehören. Und ein Roman, der uns daran erinnert, wie wichtig Bildung und unsere freiheitliche Demokratie sind.

 

Christine Breitschopf (Stadtbibliothek Neuss)

Akiz: Der Hund

Der erste Roman des Regisseurs und Drehbuchautors Akiz erzählt die Geschichte eines Außenseiters, eines Underdogs. Der Waisenjunge, der von allen nur der Hund genannt wird, wächst angeblich in einem Erdloch ohne Licht auf. Wo er tatsächlich herkommt, wie er richtig heißt, wie er all die Jahre überlebt hat, interessiert niemanden. Plötzlich steht er da und begegnet Mo, dem Erzähler der Geschichte, und lässt sich nicht mehr abwimmeln. Bei ihrem ersten gemeinsamen Job in einer Döner-Bude, merkt Mo, dass der Hund ein außergewöhnliches Talent besitzt: Er kann aus Müll kulinarische Köstlichkeiten zaubern. Diese Gabe spricht sich schnell rum und der Hund schafft es in die Küche eines Nobelrestaurants – was schließlich nicht gut enden kann. Der Hund hat mich mit seiner außergewöhnlichen Gabe, die einerseits nie Dagewesenes erschafft andererseits nur in die Katastrophe führen kann, an Patrick Süskinds „Das Parfum“ und dessen Hauptfigur Grenouille erinnert. Bildhaft und sinnlich aber auch brutal und abstoßend ist die Sprache von Akiz und die Geschichte. Sein Blick auf die Gourmetszene mit all ihrer Dekadenz bis hin zur Absurdität beschreibt der Autor temporeich und präzise. Ein Buch, das einige vor den Kopf stoßen und andere großes Vergnügen bereiten wird.